Künstler im Museum

„Ich will ein neues Publikum an die großen Violinwerke heranführen“

David Garrett über sein 25-jähriges Bühnenjubiläum und seinen Weg, junge Menschen für klassische Musik zu begeistern

David Garrett

Eine handgeschriebene Einladung, doch einmal gemeinsam zu musizieren, die Chefdirigent Sebastian Weigle auf einem Zettel für David Garrett in der Künstlergarderobe der Alten Oper hinterlassen hatte, gab den Ausschlag für dessen erstes Gastspiel im Museum. Jetzt kommt der „Klassik-Rebell“ mit Tschaikowskys berühmten Violinkonzert erneut, um mit dem Museumsorchester zu spielen.

David, sagen Sie immer so spontan zu, wenn Sie Lust auf etwas haben?
Das ist durchaus möglich. Ich bin ein sehr spontaner Mensch, gerade wenn es um Konzerteinladungen geht. Hier zählt für mich auch immer die Art, wie mich jemand einlädt und das ist doch eine sehr positive Art.

Ihr zweites Gastspiel beim Museum fällt mit Ihrem 25-jährigen Bühnenjubiläum zusammen – klingt irgendwie seltsam, da Sie ja gerade mal 35 sind. Wie empfinden Sie das und wie sieht Ihre ganz persönliche Bilanz dieser doch sehr beispiellosen Karriere aus?
Ich empfinde das als sehr positiv, dass ich nach so vielen Bühnenjahren immer noch nicht aufgegeben habe zu spielen. Denn es ist doch immer wieder ein großer Kraftakt, sich für ein Programm gut vorzubereiten und ich glaube, dass man das natürlich mit viel Liebe macht. Aber irgendwann stößt man auch an die körperlichen Grenzen. Gott sei Dank sind diese 25 Jahre bei mir in einem Zeitrahmen passiert, wo ich noch sehr jung war und immer noch einigermaßen jung bin. Dementsprechend sind die Jahre relativ gut an mir vorbeigegangen. Ich bin allerdings auf die nächsten 25 Jahre gespannt. Ich glaube, da muss ich mich ein bisschen mehr zurückhalten. (lacht)

Paganini hat Sie als Jugendlichen zum radikalen Schnitt mit der klassischen Wunderkind-Karriere, ihrem Phono-Vertrag und all den Konzertverpflichtungen getrieben – ausgerechnet als „Teufelsgeiger“ wurden Sie später zum Kinohelden und mit ihrem Album Garrett vs. Paganini einmal mehr zum Echo Klassik Preisträger: Ist das Ironie des Schicksals?
Ich glaube, dass jeder Geiger sich in frühen Jahren an Paganini und seinen Kompositionen messen sollte, wenn man vorhat, Geiger zu werden. Das ist völlig normal, da bin ich nicht der einzige, der getrieben worden ist oder der sich selber getrieben hat. Nachträglich ist das auch ganz wichtig, dies gemacht zu haben. Wie der Zufall so spielt, hat sich später in meinem Leben ein Film ergeben, den ich mit viel Freude gemacht habe und ich bin immer noch sehr stolz darauf. Insofern ist alles so gelaufen, wie ich mir das gewünscht hatte.

In Ihrem Jubiläumsjahr spielen Sie für uns Tschaikowskys Violinkonzert, das Sie dieses Jahr ja in den Fokus Ihrer Arbeit stellen. Was fasziniert und interessiert Sie gerade an diesem Werk?
Es ist eines der schönsten Violinkonzerte und in den letzten Jahren war es mein Ziel, ein neues Publikum an die großen Violinkonzerte heranzuführen. Das war im vergangenen Jahr mit Brahms und Bruch der Fall, in den vorhergehenden Jahren mit den „Vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi, davor mit dem Violinkonzert von Beethoven und davor wiederum mit Mendelssohn Bartholdy. Insofern war für mich dieses Jahr Tschaikowsky eines dieser Highlights der Geigenliteratur und dementsprechend hoffe ich, dass das etablierte als auch das neue Publikum Spaß daran findet, wie das Museumsorchester, Andrey Boreyko und ich es spielen.

Die erste Jahreshälfte sind Sie als klassischer Solist unterwegs, dann als klassischer Kammermusiker mit dem Pianisten Julien Quentin, ab November starten Sie als Popstar mit Ihrem Programm Explosive durch. Sind das getrennte Künstlerleben und -welten, die Sie verkörpern oder wie fügt sich das zusammen?
Jeden Morgen stehe ich auf und versuche eine Tonleiter ordentlich hinzubekommen. Insofern ist es für mich egal, was ich am Abend spiele. Die Vorbereitung ist dieselbe und bleibt dieselbe; auch die Konzentration, die Anstrengung auf der Bühne zu stehen und gute Arbeit zu leisten. Insofern sind das für mich keine getrennten Welten. Wie kann man auch Qualität in zwei Welten packen? Qualität ist für mich die einzige Welt, egal für welche Musikrichtung. Insofern schließen sich die unterschiedlichen Stilrichtungen nicht aus, sondern ergänzen sich.

Mit diesem ungewöhnlichen Crossover begeistern Sie auch Jugendliche, die mit klassischer Musik nie etwas zu tun hatten – ist das ein besonderes Anliegen von Ihnen oder schlicht Begleiterscheinung Ihres genreübergreifenden Interesses?
Ich möchte erst mal sagen, dass es ganz ganz viele junge Menschen gibt, die mir auch dieses Jahr bei klassischem Repertoire zuhören werden, insbesondere natürlich in der Recital Tour. Insofern ist das keine Begleiterscheinung, sondern etwas, was ich in den vergangenen zehn Jahren ganz bewusst versucht habe, hinzubekommen: Eine Brücke zu schlagen, um junge Menschen auf das Instrument und auf die Musik aufmerksam zu machen. Das hat bis jetzt wunderbar funktioniert, und dem möchte ich auch weiterhin so viel Energie schenken.

Warum, glauben Sie, begeistern sich so wenig junge Menschen von sich aus für klassische Musik und stöhnen Konzertveranstalter landauf landab über mangelnden Nachwuchs? Brauchen wir neue Konzertformate? Andere Orte?
Ich hab' noch nie erlebt, dass ein junger Mensch keine klassische Musik mag. Das kommt immer darauf an wie es präsentiert wird. Natürlich, wenn ein 70-Jähriger etwas für einen 14-Jährigen spielt, wird es ein bisschen schwierig, weil halt dieser Generationen-Unterschied da ist. Ein 14-jähriges Kind oder ein 20-Jähriger haben eine ganz andere Erziehung und Pop-Culture erlebt. Ginge diese Person in einen Konzertsaal für ein klassisches Konzert und die ältere Generation sitzt da im Anzug und Krawatte, ist das schon etwas Angst einflößend. Aber es handelt sich hier um Berührungsangst und hat selber nichts mit der Musik zu tun. Dementsprechend nehme ich vielen Menschen einfach die Berührungsangst mit dem Umfeld der Klassik. So gesehen hab` ich eigentlich nur eine Sache gemacht und zwar das Umfeld geändert.

Zum Schluss möchte ich noch auf Ihre atemberaubende Stradivari „A. Busch“ von 1716 zu sprechen kommen. Ist das eine treue Begleiterin für Sie, die von Klassik über Rock bis Pop alles mitmacht oder „kann“ Sie einige Ihrer so vielen Seiten nicht so gut?
Das Instrument ist sehr talentiert in jeglichem Bereich und ich habe auch alle meine CDs, ob Crossover oder Klassik immer auf diesem Instrument eingespielt. Natürlich gibt es Situationen, wenn große Produktion anstehen, wo mit viel Verstärkung gearbeitet wird, dass dieses Instrument nicht notwendig ist. Ich spiele die Stradivari allerdings immer bei Klassikkonzerten und dafür ist das Instrument natürlich ausgelegt. Allerdings hat es auch die Farben, um für jegliche andere Musikrichtungen gut zu passen.

Interview: Anita Strecker (April 2016)
Foto: Uli Weber